Ein grauenhafter Vortrag, unglaublich langweilig, und die Konferenz ist ehrlich gesagt ein Witz, schlecht obendrein. Genau das würde ich jetzt zu meinem Besten geben, weil es die von mir empfundene Wahrheit ist. Also warum nicht einfach tun:
Ich sitze also bei einer Konferenz im Vortrag, habe mein Smartphone in der Hand und entscheide mich endlich einmal die Wahrheit zu sagen. Egal, ob ich eine repräsentative Rolle einnehme, egal, auch wenn ich im Namen meines Arbeitgebers dort bin, egal, ob in zwei Jahren noch irgendjemand meinen Namen mit einer schlechten Konferenz in Verbindung bringt und egal, ob ich danach mit den Organisatoren dieser Konferenz alle Freundschaft gekündigt habe. Ich tue es!
„Interessante Aspekte: Prof. XY über die Erfindung des Webs, fängt allgemeinverständlich bei der Erfindung des Computers an.“
und
„Es war die richtige Entscheidung hier zu sein. Nette Leute, interessante Vorträge und das Essen ist auch hervorragend #konferenz.“
Ich habe alles gegeben. Für mehr Wahrheit kann mein Name nicht herhalten. Annahme: die Leser können bestimmt zwischen den Zeilen lesen.
Die Wahrheit über die Wahrheit
Hand aufs Herz – es ist schwierig die Wahrheit im Social Web zu sagen. Gerade im beruflichen Umfeld wäre es fahrlässig mit einer für die Ewigkeit ins Netz gebrannten wahren Meinung den Tag zu beginnen und am Abend den größten Laberbacken des Webs persönlich schlechte Nacht zu wünschen. Ich könnte meinen Kommunikationsjob an den Nagel hängen. Anerkennung bekäme ich, von denen, die mir nicht mein Gehalt bezahlen.
Ist es also gezwungener Opportunismus? Nein. Es ist Vernunft, die dazu führt, auch im Web öffentlich höflich zu sein. Dazu gehört auch, dass ich nicht immer meine persönliche Meinung zum Besten geben muss. Daher schweige ich oft, unter meinem Namen.
Nichtsdestotrotz kann schweigen nicht der Weisheit letzter Schluss sein. Ich verspüre so oft den inneren Drang zumindest meinem Bauchgefühl – ein sehr gutes Indiz für die gefühlte Wahrheit – einen Raum zu geben, sich auszudrücken.
Somit muss es anonym sein. Doch kann es die Lösung sein, anonym mit Worten Kritik zu üben? Sollte ich wirklich unter anonymxy84 allen miesen Menschen und Organisatoren dieser Erde sagen, wie schlecht sie sind? Öffentlich, so dass es rein theoretisch jeder lesen kann? Wir müssen eine Kultur der Anonymität im Web pflegen und zugleich bedenken, dass Worte mächtige Waffen sein können und Anonymität ein sehr starkes Schutzschild ist. Der richtige Umgang muss gelernt sein.
Anonymität ist nicht Verbalinjurie
Anonymität verleiht mir nicht kategorisch das Recht der Verbalinjurie. Es muss einen anderen Weg geben, seinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen: ehrlich, wahrhaftig, ohne verletzende Worte nutzen zu müssen, ohne zu einem diplomatischen Schönsprech gezwungen zu werden.
Die Welt der Farben
Farben als Kommunikationssignal, nicht nur bei uns Menschen, ist auch in der Tierwelt ein Mittel der Kommunikation. Die männlichen Chamäleons zum Beispiel lassen Farbe sprechen, wenn sie einen Rivalen beeindrucken oder ein Weibchen anlocken wollen.
Die Farbe der Kleidung spielt beim Menschen eine wichtige Rolle. Bundeskanzlerin Angela Merkel wählt nicht umsonst ein rotes Kostüm auf der sonst einfarbigen Politikerbühne. Sie kommuniziert mit den Medien. Den Straßenverkehr regeln wir ebenfalls mit Farben: Rot für Stopp, Gelb für Achtung, Grün für Los. Farben vermitteln ein Bauchgefühl, eine konkrete, konzentrierte Aussage, die wir augenscheinlich verstehen.
Es geht um „Kommunikationskonzentrate“
Warum sollten wir die Lehre der Farb-Kommunikation nicht auch für die Online-Kommunikation geltend machen? Ein Bauchgefühl, konzentriert auf eine Farbe – ein Kommunikationskonzentrat.
Farben drücken ein Gefühl aus, aber sie verletzen nicht. Farben sind global verständlich, Wörter regional. Daher haben Reinhard Karger, Clemens Weins und Sven Schmeier das Internet der Farben erfunden: www.internet-of-colors.com
Mittels der App ColorMe ist es jedem möglich durch Farben, anonym an einem Ort, sein aktuelles Bauchgefühl im Web zum Ausdruck zu bringen, weltweit. Wir haben uns auf die Ampel-Farben verständigt, weil sie den größten gemeinsamen Nenner aller Farbverständnisse ergeben: Rot für Schlecht und Grün für Glücklich – Green means Happy | Red means Sick | Post your Feelings | With a Click.
